Refit einer MIL Mi 2, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.


Hubschrauber gehören bekanntlich zu den interessantesten Fluggeräten überhaupt.
Die Möglichkeit, rückwärts zu starten oder in der Luft einfach stehen zu bleiben, reizt deshalb auch so manchen Enthusiasten, sich mit der Ausbildung zum Hubschrauberpiloten zu befassen. Viele werden allerdings durch die Erkenntnis gebremst, dass ein solches Gerät nicht eben günstig ist im Flugbetrieb und die zur Sicherheit und Scheinerhaltung notwendigen Stunden nur mit Mühe und unter erheblichen finanziellen Opfern erreicht werden.

Nur wenige verfügen da über ein entsprechend großes Sparschwein, um sich einen eigenen Helikopter zu leisten. Dies sind meistens Maschinen aus dem Zwergenbereich. Zweisitzig, leicht und schlicht im Handling. Nun leben ja überall auf der Welt Menschen, die Großes leisten, große Träume haben und sich diese dann auch noch erfüllen.

Einer von ihnen heißt Valerian Kießling. Er wohnt in Lichtenfels bei Bamberg (Oberfranken) und ist Inhaber einer florierenden Lederfabrik.

 

















Familie Kießling

Seit einigen Jahren fliegt Kießling schon Flächenflugzeuge, aber irgendwie war da eine gewisse Langeweile aufgekommen, und er wollte diesen Stillstand mit einem Helikopter beleben. Als ihm zufälligerweise von der polnischen Armee 2005 eine ausrangierte MIL Mi-2 angeboten wird, lässt er sich nicht lange bitten und kauft den Vogel - ein bisschen verschrammt im Lack, aber grundsolide in der Technik. Big is beautiful, hat er sich dabei gedacht, und weil Kießling kein Mensche ist, der sich lange mit der Vorrede aufhält, lässt er den Rumpf auch gleich in Polen abbeizen.

Danach transportiert er den nackten Hubschrauber nach Lichtenfels, und sechs Mi2-erfahrene Mechaniker machen sich an die Arbeit und restaurieren den Hubschrauber von Grund auf. Nun gilt ja die Mi-2 nicht gerade als geschmeidiger Flieger, obwohl sie von ihren früheren Besatzungen als durchaus gutmütig bezeichnet wurde. Dennoch muss man bei ihr schon richtig Hand anlegen, und sie erfordert ganz sicher einen ziemlich fitten und ausgeschlafenen Piloten, ganz besonders dann, wenn der seinen Helikopter auch noch als Singlepilot durch die Luft schaukeln will.


Bild Links: Hier als Frachraum ausgelegt, können zusätzliche Sitze eingebaut werden

Bild Rechts: Gewaltige Koffer. Die beiden 24 Volt Bordbatterien

 



Kenner der Branche werden sich erinnern, dass das Cockpit der Mi-2 grundsätzlich mit zwei Piloten besetzt war.
















Overheadpanel. Dicke Schalter mit polnischer Beschriftung

Nur am Rande sei vermerkt, dass Valerian Kießling zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal im Besitz einer Hubschrauberlizenz war. Es begann ein geradezu olympischer Wettlauf, denn es galt, den Schein bis zur Fertigstellung der Maschine in der Tasche zu haben. Im Zieleinlauf hat Kießling die Nase klar vorn, und wer ihn kennt, hat das auch nicht anders erwartet.



























Das weitgehend im Original erhaltene Instrumentenbrett mit russischen Instrumenten

Der Umbau geht nicht ganz reibungslos von der Hand, denn der gelernte Maschinenbau-Ingenieur hat einige Änderungswünsche, die mit dem Hersteller der Mi-2, dem polnischen PZL-Werk noch abgestimmt werden müssen. Zum Beispiel sollen die Turbinenlufteinlässe verlängert werden. Um den Lärmpegel zu reduzieren.


 

 

 

 


Nur Funk und VOR kommen von Bendix/King

Die Bugsektion wird umgebaut, um das Radar aufnehmen zu können und bei der Avionik gibt es auch Änderungen, obwohl die russische Technik im Cockpit aus historischen Gründen weitgehend erhalten werden soll.

 

















Handmade bei Valerian Kießling,
die Einlassrohre zur Lärmreduzierung

Am Heck installieren die Techniker eine Kamera, um den Bereich des Heckrotors im Blick zu haben, wie die Triebwerke laufen. Eine gute Idee, aber wohl auch notwendig, denn hier steht ja kein Mechaniker oder Copilot außen an der Maschine und hält beim Anlassen die Zuschauer fern.



Silbermetallic ist im Autohandel gerade die Farbe der Saison, und weil die offensichtlich reichlich vorhanden ist und zudem auch schick aussieht, erhält die Mi 2 eine entsprechende Außenlackierung. Innen - ja da wird natürlich feinstes Leder verarbeitet, denn so kann man bei dieser Gelegenheit auch richtig Werbung für seine Profession machen. Mit acht einfachen Stoffsitzen war die Mi-2 ursprünglich möbliert, heute sind es fünf, aber die sind oberkomfortabel.
15 Monate hat es gebraucht, bis dieser einst so schlichte Soldatenvogel auf Kießlings eigenem Heliport hinter dem Haus in der Sonne glitzert. Ohne Übertreibung darf man wohl sagen, dass dies die am besten restaurierte und sicher auch komfortabelste Mi-2 weltweit ist.


Reichlich Sprit in allen Tanks

 Da die beidenKlimow GTD-350-Wellenturbinen mit ihren je 294 kW/400PS als Schluckspechte bekannt sind und der Spritvorrat im Rumpftank nur 600 Liter Kerosin fasst, wurde rechts und links außen ein knallrot lackierter Zusatztank mit einem Fassungsvermögen von 238 Litern installiert.


 

 

 

 

 

Zusatztank mit einem Fassungsvermögen
von 238 LiternDas weitgehend im Original erhaltene Instrumentenbrett mit russischen Instrumenten

 

Sieht toll aus und bringt Strecke. Bei einem Spritverbrauch von gut 300 Litern in der Stund ergibt das immerhin eine Flugdauer von 3 Stunden plus Reserve oder bei 100 Kts Reisegeschwindigkeit eine Reichweite von 300 Nautischen Meilen ( 555 Km).

Da den deutschen Behörden das ganze Projekt trotz Abnahme durch PZL suspekt ist, verweigern es wie erwartet, die Zulassung. Die Amerikaner hatten damit kein Problem, und so fliegt die Mi halt mit der Kennung N-515VD.



Mi-2 gebaut bei PZL in Polen

Die in Russland vom Entwicklungsteam OKB-329 unter der Leitung von Michail Mil 1960 entwickelte Maschine wurde bereits im September 1961 als W-2 der Öffentlichkeit vorgestellt und hatte im gleichen Jahr noch ihren Erstflug. Der Produktionsauftrag ging dann aber an die polnischen PZL-Werke, die die erste reine PZL Mi-2 am 4. November 1965 in die Luft brachten. 5.000 Einheiten wurden bis zum Ende der Produktion 1986 gebaut, und sie wurde in allen Ländern des Warschauer Paktes und in Drittländern wie dem Irak und Iran geflogen und ist zum Teil heute noch weltweit im Einsatz. Robust und zuverlässig hatte sie von der Konstruktion her etwas Ähnlichkeit mit dem russischen Waggonbau, eben unkaputtbar…


So hat Valerian Kießling gar nicht mal so verkehrt gedacht, als er sich für die MIL Mi-2 entschied. Günstig gekauft, fein veredelt hat er heute einen geräumigen Hubschrauber, der ihn wohl niemals im Stich lassen wird. Nur gerade günstig im Betrieb dar man ihn eher nicht nennen…… .

Rainer Herzberg